WOHIN MIT OMA?

Das Schwiegermutter-Experiment (K)ein Ratgeber für das Zusammenleben der Generationen

Trauer & Trost

Inge hasste den Film – sie mochte keine alten Leute… mir hat er geholfen.

 

 

 

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Parallele Universen – statt eines Nachrufs

Blumengruß von Fr. Rest

I.

Tagesgeschäft, Politik, die täglichen Aufreger in den Nachrichten: das ist die eine Welt, über die man sich – mit Meinungen, Haltungen und (Vor-)Urteilen – empören, amüsieren, profilieren und verständigen kann.

Daneben gibt es die vielen individuellen Welten, in denen wir alle uns Tag für Tag bewegen: der Job, die Familie, das Wohnumfeld.

Sobald du einen kranken Angehörigen pflegst, wunderst du dich schon, wie wenig die in der einen Welt davon gehört zu haben scheinen, dass es die andere Welt überhaupt gibt.

Bürokratische Hürden, wenn du Hilfsmittel brauchst. Teure Zuzahlungen. Abgelehnte Rehas. Wenige – und nirgends zentral gebündelte – Informationen über Hilfsangebote.

Wenn dein Weg als pflegende/r Angehörige/r in dieser zweiten Welt beginnt, bist du Anfänger. Per Definition. Und du musst unglaubliches Glück haben, wenn du in dieser Schule bestehen willst, ohne selbst im Kranken- oder Irrenhaus zu landen.

Haben eigentlich Politiker, die den Wust aus begrenzenden Bestimmungen und den Mangel an hilfreicher, zentral abrufbarer Information verantworten (echtes „Neuland“ ist dieses Internetz nun wirklich nicht mehr – die Daten sind ja alle vorhanden. Warum führt sie nicht mal jemand zusammen? Das sind ein paar nach Themen gegliederte Dateien auf einer Homepage, das kann weder zu schwierig noch zu teuer sein!), haben also diese Damen und Herren Volksvertreter und -verwalter keine behinderten Kinder, keine bettlägrigen alten Verwandten? Nun, das ist schön für sie.

Für uns andere beginnt eine Lehrzeit, die ich jedem einzelnen von diesen Vertretern und Verwaltern gern empfehlen möchte , die – wichtig-wichtig – von Termin zu Termin durch die ihre Welt gleiten und ein paar Ausschnitte aus der anderen Welt höchstens durch die Fenster ihres Dienstwagens oder einen kritischen Bericht in einem TV-Magazin zu sehen bekommen: Auch du würdest an den Aufgaben der zweiten Welt wachsen, Herr/Frau Wichtig-Wichtig. Es wäre vielleicht sogar die wichtigste Lernerfahrung deines Lebens, falls du nicht daran zerbrichst.

Oh, und noch eine Gruppe gehört eindeutig zu dieser Welt der Verwalter, Funktionäre und Würdenträger: Die Evangelische Kirche tut sich gewiss als Träger von einigen guten Pflegeeinrichtungen hervor, doch bei der Alltagsarbeit versagte sie im Fall meiner Schwiegerfreundin kläglich. Mehrere Jahrzehnte war Inge Zumbach in Kassel im Kirchenvorstand – doch hier, in der bayrischen „Diaspora“, wie sie’s nannte, hieß niemand sie als neu zugezogenes Mitglied willkommen. Wenn sie, die damals 80jährige, in einem komplett neuen Umfeld gestrandete, mit einem Pfarrer sprechen wollte, musste sie ihm tagelang hinterher telefonieren … regelmäßig kamen immerhin der Kirchensteuerbescheid und der Bettelbrief ums „Kirchgeld“.

II.

Doch nun zu den Helden der zweiten Welt.

Bei Krankenkassen gilt die Regel, dass die Entscheider (ob du eine Reha für deinen Verwandten bekommst, ob dein Verwandter dieses oder jenes Hilfsmittel wirklich braucht) möglichst viele Abteilungen entfernt sind von dem jeweiligen Sachbearbeiter, der den „Fall“ deines Verwandten verwaltet.

Ich habe Herrn Rosenauer gefragt, den damaligen Leiter des Sozialdiensts der geriatrischen Reha der Diakonie in München (einer großartigen Institution, über die ich hier bereits berichtet habe; seit sie allerdings ein paar Euro mehr für ihre unschätzbaren Dienste an alten und kranken Menschen verlangt, ist sie bei den meisten Krankenkassen aus der Liste der genehmigten Träger gestrichen und also unerreichbar für die Beitragszahler):

Warum ist das so geregelt? Ohne sich über meine Naivität lustig zu machen, erklärte mir dieser freundliche Fachmann: damit keinem bei der notwendigen Abwägung zwischen finanziellen und menschlichen Entscheidungen sein Mitgefühl in die Quere kommt – sobald du das Schicksal eines Hilfesuchenden aus der Nähe erlebst, kannst du gar nicht anders, als ihm helfen zu wollen.

Das wäre ja noch schöner. Und vor allem teurer für die Kasse.

Doch auch bei den Krankenkassen stellen sich einzelne Mitarbeiter (ich nenne keine Namen, um sie nicht in Schwierigkeiten zu bringen) auf die Seite jener Alten und Kranken, die zeitlebens ihre Beiträge gezahlt haben und am Ende allein gelassen werden sollen.

Sie sind Helden der zweiten Welt: Ihre Fähigkeit zu Empathie und Subversion möge ihnen die Kraft verleihen, jeden Morgen wieder an ihrem Arbeitsplatz aufzuscheinen – und an den verlorenen „Fällen“ nicht kaputt zu gehen. Diesen Mitarbeitern danke ich.

Dann gibt es die Helden im riesigen Bereich der häuslichen und institutionellen Pflege, in der etwa Herr Fussek mit den Mitteln der ersten, der medial wahrgenommenen Welt, unermüdlich aufklärt und damit sicher einiges bewirkt.

Ich meine hier aber die anderen: Pflegekräfte, die gegen den Burnout ankämpfen und es trotzdem immer wieder schaffen, zum Beispiel die Ganzkörperwäsche eines alten, kranken Menschen nicht hinzuhudeln, sondern zum Anlass nehmen, diesen Menschen in einer absolut würdelosen Situation – du sitzt oder liegst da splitterfasernackt, während ein/e Fremde/r an deinen intimsten Körperstellen herumfummelt – mit Würde und Freundlichkeit nicht nur zu säubern, sondern zu begleiten, zu stützen, aufzurichten, aufzumuntern. (Wieder nenne ich keine Namen, um die Guten vor der Missgunst der Ungeeigneten, Ungeschickten und Unfähigen – auch unter ihren Vorgesetzten – zu schützen). Einer Person aber kann ich namentlich danken, weil sie meine Schwiegerfreundin Inge Zumbach mit ihrer unvergleichlichen Kombination aus Tüchtigkeit, Witz und Professionalität im Haushalt unterstützt hat, auf die wir uns jeden Mittwoch von Neuem gefreut haben: Iris Margraf ist eine Heldin dieser zweiten Welt, oder eigentlich … ein Engel.

Noch so einen Engel nenne ich explizit: Anke Gering, die Physiotherapeutin, die auch Hausbesuche macht – und über die Jahre mit ihrer Achtsamkeit und Anteilnahme ein echtes Vertrauensverhältnis zu Inge aufbauen konnte. Anke tat stets mehr als notwendig, um die alte Dame körperlich zu mobilisieren und mental zu motivieren. Sie war die einzige, die ganz offen und unbefangen mit ihr über das Sterben sprach, und deshalb auch die erste, der meine Schwiegerfreundin anvertraute, dass sie jetzt den Weg, auf dem sie immer tapfer Contenance und Zuversicht bewahrte, eigentlich nicht mehr weitergehen möchte. Anke ist eine tolle Person, zart und stark – sie ist jung, und ich wünsche ihr und ihrer Familie, dass der Elan sie weiter trägt, statt sie zu verbrennen.

Kurz nachdem ihr zweites Buch herausgekommen war, mit 92, begann Inges Verstand ein bisschen nachzulassen. Zuerst waren es nur die üblichen Wortfindungsstörungen und die Vergesslichkeit, die zusammen mit der Schwerhörigkeit unsere Gespräche schwieriger gestalteten. Doch auch hier bekamen wir rasch Hilfe: Unsere Freundin Bettina, die durch den Umgang mit ihrer dementen Mutter viel Erfahrung gesammelt hatte, gab uns die ersten wichtigen Hinweise, und Petra Seidl leitet eine Gruppe für Angehörige demenzkranker Patienten. Hier bekamen wir Broschüren mit Fakten und Tipps zur Krankheit, und wir konnten den Berichten anderer Betroffener zuhören und unser eigenes Erleben mit Inge dazu in Relation setzen. So entstanden tiefe und sogar lustige Gespräche – und ein Gefühl von Verbundenheit: Zu wissen, dass man nicht allein ist mit seinem „Fall“, zu wissen, dass es Leute gibt, die das alles kennen und ihre Erfahrung, ihr Wissen, ihre Freizeit und ihre Empathie ehrenamtlich zur Verfügung stellen – das ist sehr tröstlich. Und eine große gesellschaftliche Leistung! Denn in der Theorie ist klar: Ohne die 3. Säule, das Ehrenamt, würde jede Gesellschaft krachend auseinanderbrechen. Doch in der Praxis wird diese meist von Frauen unbezahlt geleistete Care-Arbeit viel zu selten anerkannt. Deshalb: Hut ab vor diesen tapferen Heldinnen der zweiten Welt.

Dann die Familie. Darauf, dass Ihr alle gutaussehend, begabt und gebildet seid, braucht Ihr Euch nichts einzubilden – das ist den Genen und der Herkunft geschuldet. Aber worauf Ihr Euch durchaus etwas einbilden könnt – besonders in Zeiten, in denen die politischen Schreihälse der ersten Welt sich über „Ehe für alle“ contra „konservatives Familienbild“ die Köpfe heiß reden: Ihr seid Familie, wie sie gemeint ist. Für Euch sind schwul oder hetero, alt oder jung, arm oder reich keine Kategorien. Und nie habt Ihr – trotz der räumlichen Distanz – Inge das Gefühl gegeben habt, sie gehöre zum alten Eisen, ihre Meinung zähle nicht mehr, sie könne keinen Beitrag mehr leisten … im Gegenteil. Ihr habt sie um Rat gefragt und an den aktuellen Entwicklungen teilhaben lassen, Eure Sorgen mit ihr geteilt und auch die freudigen Ereignisse. Ihr habt sie auf der Durchreise besucht und oft mit ihr telefoniert, wenn ihr mal eine Minute Zeit hattet, obwohl Euer Leben eigentlich ausgefüllt genug ist. Ihr seid Helden der Integration und Mitmenschlichkeit – nicht weil die CDUler das vom Idealbild „Familie“ so erwarten, sondern weil es das in manchen Glücksfällen eben tatsächlich gibt. Ihr seid so ein Glücksfall.

Und last, but not least sind da die Freunde. Viele haben in den 12 Jahren, in denen Inge nicht mehr in Kassel wohnte, treu Kontakt gehalten und sie mit News und Klatsch versorgt: Adi und Sven, Frau Rest, Frau Lange und Frau Ledig – Ihr seid die Besten. Danke Euch allen!

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91 – und schon wieder ein Buch fertig!

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Das ist etwas reißerisch formuliert, zugegeben – schließlich arbeiten wir seit Jahren an diesem Projekt. Aber ab heute, pünktlich zum 91. Geburtstag meiner Schwiegermutter, ist das Buch im Handel. Glückwunsch, Inge!

Die Alten

Heute ist so ein Tag.

Verlustreich

Spuren im Schnee

Heute wäre meine Mutter 91 Jahre alt geworden; aber die hat ja so früh ausgecheckt. Um Bette Davis‘ Spruch „Old age is no place for sissies“ zu illustrieren, gibt  es immerhin hier meine Schwiegerfreundin, und bis vor kurzem war auch ein sehr alter Hund unser Hausgenosse. Er hatte gern von Inge das weiche Innere der Brötchen erbettelt, das sie, aus Diätgründen oder weil sie es nicht mag, auf dem Teller lässt. Der Hund starb vor ein paar Tagen, und seitdem entsorgt sie die Brötchenreste schnell vor meinen Besuchen. Gestern fiel mir das auf und ich fragte, wo denn dieser Teller sei, und sie sagte: „Ich räume ihn jetzt immer gleich weg, damit Du nicht traurig wirst, wenn Du ihn siehst“. Wie zartfühlend! Dieser Januar ist reich an schmerzvollen Erinnerungen und neuen Erkenntissen.

Nach dem Buch ist vor dem Buch

Zu Inges gerade erschienenem Erstling schickte uns der Herausgeber kurz vor Weihnachten eine weitere Besprechung aus einer Kasseler Zeitung – danke, Wolfram! Wie wär’s nun mit ein bisschen Ausruhen? Nix. Meine Schwiegerfreundin und ich sind fast fertig mit der Überarbeitung des „Schwiegermutter-Projekts“, dessen Entstehung Sie hier mehr oder weniger regelmäßig verfolgen können. Jetzt wünschen wir Ihnen aber erst einmal schöne Feiertage und alles Gute für 2016!

Ein Weihnachtsgeschenk

Unter dem neuen Titel Das war mein Haus am Ständeplatz bringt der Wartberg-Verlag jetzt das erste Buch meiner Schwiegermutter Inge Zumbach – mit noch mehr Bildern und einem Vorwort des Herausgebers Dr. Wolfram Boder – in die Buchhandlungen. Und die erste Besprechung ist schon da, gerade rechtzeitig zum Fest:

Plüsch-Roboter streicheln, oder: Die modernen Boten des Todes

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Paro, das niedliche Robben-Baby, und all die anderen Roboter, mit denen etwa die Firma, von deren Website ich das Pic oben habe, bei der Pflege dementer Senioren experimentiert, sind der Beginn einer, nun ja, interessanten Entwicklung. Peter Glaser zeigt in seiner Kolumne noch ganz andere Möglichkeiten auf, wie man bald mit älteren Herrschaften Umgang pflegen wird. Hört sich ein wenig nach Science Fiction einerseits und Entmenschlichung andererseits an, aber so viel ist klar: Wir Baby-Boomer altern Technik-gestützt, nennen es Neo Aging (no pun intended), und natürlich werden wir auch ganz neue Boten des Todes haben…

Literarisches Debut mit 90!

Geschrieben hat die Autorin fast ihr ganzes Leben lang. Ihr erstes Buch ist ist allerdings erst jetzt – gerade rechtzeitig zum 90. Geburtstag  – fertig geworden, dank der freundlichen Unterstützung des Herausgebers Dr. Wolfram Boder, Kassel.Erstlingswerk: mit 90

Debüt mit 90!

Old & In The Way

Was für ein Band-Name! Hier eine schöne Nummer für die Vorweihnachtszeit: Wild Horses. „Childhood living is easy to do….“ Dank an Hen Hermanns für die Ausgrabung.

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